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Land Grabbing: Land Grabbing mit Schweizer Beteiligung

 

Weltweit werden immer mehr landwirtschaftliche Nutzflächen von einzelnen Ländern oder Investitionsfonds aufgekauft oder gepachtet. Das Projekt untersuchte die Rahmenbedingungen und die Auswirkungen einer grossflächigen Landinvestition in Sierra Leone durch die "Addax Bioenergy" (ABSL).

Hintergrund (abgeschlossenes Forschungsprojekt)

Die ABSL, eine Tochtergesellschaft der in der Schweiz ansässigen Erdölfirma Addax Oryx Group (AOG) Energy, pachtete 2008 in Sierra Leone 54‘000 ha Landwirtschaftsland für eine Dauer von 50 Jahren. Davon betreibt ABSL eine Monokultur von 10‘000 ha Zuckerrohr, sowie 4'300 ha für ökologische Ausgleichsflächen und Reisanbau. Das Zuckerrohr dient zur exportorientierten Bioethanol-Produktion. Das Projekt erfüllt die Richtlinien des «Roundtable on Sustainable Biofuels (RSB)» und damit die EU-Kriterien in Bezug auf Landnutzung sowie Treibhausgasemissionen für Biotreibstoffe. Mit der Umstellung von der traditionellen Landwirtschaft zur exportorientierten Monokultur erfolgte für einen Grossteil der betroffene Bevölkerung eine Umorientierung von einer Substistenzwirtschaft zu einer Lohnarbeit.

Ziel

Hauptziel war, herauszufinden, wie eine Investition in Agrarland aus der Sicht der Nachhaltigkeit zu beurteilen ist. Es galt einen konzeptionellen Rahmen zu entwickeln, der auf die Nachhaltigkeit grossflächiger Landakquisitionen zugeschnittenen ist, die Auswirkungen des Projekts zu untersuchen und die politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen herauszuarbeiten.

Resultate

Insgesamt hat das Projekt den lokal betroffenen Haushalten erlaubt, ihre Einkommenssituation und Ernährungssicherheit vor allem durch starke Expansion von Lohnarbeit deutlich zu verbessern. Demgegenüber steht jedoch eine signifikante Reduktion der Anzahl Einkommensquellen aus der Landwirtschaft. Dies hat zur Folge, dass die Familien im Untersuchungsgebiet anfälliger sind für Fluktuationen und Krisen. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass das Mehreinkommen von 18% im Untersuchungsgebiet praktisch komplett für die - wegen stark vermindertem eigen Landwirtschaftsaktivitäten – gestiegenen Ausgaben für den Kauf von Lebensmittel eingesetzt werden musste.

Mit dem Projekt verlagerte sich in der betroffenen Region die lokale Arbeitskraft zunehmend vom Familienbetrieb weg in Richtung kurzfristiger Lohnarbeit in Fabriken oder auf Zuckerrohrfeldern. Der Landbesitz ist nicht mehr durch das Bedürfnis motiviert, eine autonome Selbstversorgung zu schaffen, sondern wird als monetäres Gut betrachtet. In der Folge verstärkt sich die sozio-ökonomischen Ungleichheiten, die in manchen Fällen ganze Dorfgemeinschaften in Mitleidenschaft ziehen.

Die Nachhaltigkeitsbeurteilung grossflächiger Landakquisitionen muss nebst den klassischen Zustandsindikatoren auch Prozessindikatoren berücksichtigen, beispielsweise die Fairness und die Transparenz in den Aushandlungsprozessen von Verträgen. Da die Umwandlung zu Monokulturen in der Regel irrversible Prozesse darstellen ist auch zu berücksichtigen, in wie weit sozial-ökologische Vulnerabilität und Resilienz beinträchtigt wird, also wie die betroffene Gesellschaft auf schockartige Veränderungen wie Seuchen (z.B. Ebola), Preiszerfall der Rohstoffe usw. zu reagieren in der Lage bleibt. Schliesslich hat eine umfassende Nachhaltigkeitsanalyse auch die systemischen Auswirkungen zu berücksichtigen, wie die Veränderungen von Regeln, die das Verhältnis von Mensch zu Natur und Arbeit betreffen.

Bedeutung für die Forschung

Das Projektteam entwickelte einen umfassenden konzeptionellen Rahmen für die Nachhaltigkeitsbewertung grossflächiger Landinvestitionen. Es erstellte eine unabhängige Analyse zu den Auswirkungen innerhalb und ausserhalb eines Gebietes mit grossflächigen Landinvestitionen. Ethische und rechtliche Hintergründe konnten so explizit und damit diskutierbar gemacht werden. Es konnte aufgezeigt werden, welche rechtlichen Anpassungen auf internationaler Ebene, in den Ursprungs- und den Zielländern vorgenommen werden müssten, damit grossflächlige Landinvestitionen nationalen und internationalen Standards entsprechen. Zudem wurden Vor- und Nachteile mit Hilfe eines utilitaristischen Ansatzes abgewogen, der mit einem Menschenrechtsansatz ergänzt wurde.

Bedeutung für die Praxis

Die durchgeführten Untersuchungen erlauben eine ganzheitliche Beurteilung grossflächiger Landinvestitionen. Dies wird helfen, den rechtlich-politischen Umgang mit Produkten aus solchen Projekten (Biotreibstoffe, Agrarrohstoffe usw.) auf eine fundierte Basis zu stellen. Die internationale Verfügbarkeit der Ergebnisse erlaubt Entscheidungsträgern betroffener Regionen eine fundierte Folgenabschätzung geplanter und bestehender Investitionen in Agrarfläche. Es zeigt sich die Notwendigkeit, vor der Implementierung derartiger Projekte eine Vulnerabilitätsanalyse zu erstellen und einen Notfallplan mit entsprechenden Verantwortlichkeiten und Finanzierungsmöglichkeiten zu definieren.

Originaltitel

Sustainable Soil Governance and Large Scale Land Acquisitions originating in Switzerland

Projektverantwortliche

  • Prof. Stephan Rist, Universität Bern
  • Prof. Thomas Cottier, Universität Bern
  • Dr. Stefan Mann, Tänikon, Ettenhausen

 

 

Weitere Informationen zu diesem Inhalt

 Kontakt

Prof. Stephan Rist Zentrum für Entwicklung und Zusammenarbeit CDE
Universität Bern
Hallerstrasse 10 3012 Bern +41 31 631 88 22 stephan.rist@cde.unibe.ch

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